Marokko im Trabant Der Reisebericht

Afrika 2006

In den letzten Jahren und mit den bisher bereisten Ländern wuchs ein kleiner, aber durchaus ernster Wunsch in mir: Irgendwann… IRGENDWANN will ich mal Europa verlassen mit meinem Trabant.

Als dieses Jahr die Reiseplanungen begannen und die spanische Landkarte vor Conny und mir lag, haben wir beide schon heimlich vermessen, wie weit unser Ferienziel Torrevieja bei Alicante eigentlich von der Straße von Gibraltar, und damit von Afrika entfernt ist.
Es hat nicht lange gedauert, bis wir uns einig waren, den Spanien-Urlaub um einen „kleinen Abstecher“ zu erweitern.

Tag 1: Am 31. August (Donnerstag) war es endlich soweit. Das Auto war gepackt, eine Höherlegung der Hinterachse verbaut, alle Wartungsarbeiten erledigt und die Fressereien gekauft und in der Kühlbox verstaut.
Eigentlich war nur ein kleines gemeinsames Abendessen im Trabant-Club geplant. Da aber am selben Tag die Thüringer Allgemeine über unsere Tour berichtete, standen plötzlich 2 Radiosender und das MDR-Fernsehen auf der Matte und wollten ebenfalls noch versorgt werden. Aber auch die Presse wurde abgefertigt, unsere Vereinskollegen verköstigt und gegen 21:00 Uhr startete dann tatsächlich der Trabantmotor.
Als erstes Ziel war Mulhouse (Mülhausen) in Frankreich angesetzt. Die Fahrt verlief auch völlig reibungslos und zügig und gegen 6 Uhr stellten wir unser Dachzelt bereits in Frankreich auf. JETZT beginnt unser Urlaub nun wirklich!
Wir hatten einen netten, ruhigen Waldparkplatz erwischt, aber länger als bis kurz vor 11 hat es uns nicht im Bett gehalten!

Tag 2: Was gibt’s in Frankreich zum Frühstück? Das mitgebrachte Toastbrot ganz sicher nicht! Zwei Kilometer weiter fanden wir uns in einer französischen Bäckerei wieder. Eigentlich war es keine Bäckerei, sondern eine „Baguette-Bude“. Was anderes als Baguettes gab es dort nämlich nicht. Das erste mal „bonjur“ und „merci“ über die Lippen zu kriegen ohne zu lachen hat auffällig gut geklappt!
Wenige Kilometer weiter standen wir auch einen wunderbaren Parkplatz direkt an einem großen Fluss und wir haben ausgiebig gefrühstückt.
Weiter ging es ziemlich unspektakulär durch Frankreich bis zur Mittelmeerküste, die wir als Tagesziel für den zweiten Tag anvisiert hatten. Kurz nach Mitternacht kamen wir dort auch an. Auch die zweite Nacht verbrachten wir wild campend mitten in der Pampa. Diesmal ganz abgelegen in den Weinbergen. Bis hierhin sind wir bereits 1300km gefahren.

Tag 3: Die Straße führte direkt am Mittelmeer entlang. Obwohl das Wetter nicht so toll und das Wasser auch ziemlich kalt war, entschloss sich Conny für eine kurze Erfischung. Nach kurzer Pause ging’s dann aber sofort weiter. Immer Richtung Pyrenäen! Es dauerte auch gar nicht so lange, bis sich die Landschaft änderte. Die Berge wurden immer höher, die Straßen immer schmaler und irgendwie wurde es spannender jetzt. Am frühen Nachmittag haben wir uns etwas verfahren und mussten auf einem etwas unebenen Parkplatz wenden. Ohne bei Schrittgeschwindigkeit etwas negatives im Fahrverhalten zu merken, hörten wir plötzlich ein deutliches Poltern und Schleifen. Das klingt nicht gut! Der erste Blick ging in Richtung Hinterachse und ich konnte ein deutliches „Scheeeeiiii***e“ nicht unterdrücken. Diagnose: Eine Schraube der Hinterachsaufhängung hatte sich freundlich winkend verabschiedet. Direkt gefolgt von meinem lauten Fluchen „WIIIIEEEE oft haben wir diese schei*** Schrauben nachgezogen?!“
Vorgeschichte: Bei der Montage der Höherlegung zu Hause ließ sich eine dieser Schrauben schon trotz aller Gewalt nicht lösen. „Gut“ dachte ich mir, „dann bleibst du halt dran!“ Die Entscheidung war dann wohl falsch.. Knapp 1500km von daheim löste sich die Schraube dann nämlich doch. Und zwar durch Reißen. Nach „fest“ kommt also wirklich „ab“, wie uns so sehr eindrucksvoll demonstriert wurde.
Ersatz war durchaus vorhanden, aber wie bekommen wir den Rest der Schraube aus dem Gewinde? Mit Bordmitteln jedenfalls nicht, auch wenn unsere Zangen stattlich dimensioniert waren. Es bleibt also nur ausbohren.
Nun gesellte sich auch ein deutsches Wohnwagengespann zu uns. Wir haben sie allerdings doch weiterfahren lassen, obwohl sie Notstromer und Bohrmaschine dabei hatten. Aber ohne passenden Bohrer und Gewindeschneider kommen wir so auch nicht weiter. Zwei Minuten, nachdem er weggefahren war, kam er auch schon wieder mit froher Kunde zurück: „Da oben, 200m weiter, gibt’s ne Werkstatt, die haben noch offen!“. Samstag Nachmittag nenn ich das echtes Glück auf `nem Dorf! Ich blieb bei den Klamotten, die wir aus dem Kofferraum geräumt hatten zurück und Conny fuhr zur Werkstatt. Zwei Stunden später kam der Trabant auf eigenen Rädern zurück. Zwar nur provisorisch geflickt, aber das 10er Gewinde wird halten. Wenn nicht bekommen wir den Rest wenigstens aus eigener Kraft wieder herausgedreht.
Auch wenn es nur zwei Stunden Zwangspause waren, sollte es unseren Zeitplan doch etwas durcheinander bringen. Andorra im Hellen zu erleben wird nun knapp. Kurz darauf war uns der Zeitplan egal. Wir fanden uns mitten in den Pyrenäen wieder. Als wir an einem klaren Bach zum fotografieren anhielten, beschlossen wir diese Gelegenheit zu nutzen und endlich mal zu „duschen“ es war sicher bitter nötig!
Auch die nächsten Kilometer verbrachten wir häufig mit Fotostopps. Es war auch eine beeindruckende Landschaft.
Mit empfindlichen Ohren durch die letzte Panne bereitete uns ein plötzliches blechernes Geräusch ernsthafte Sorgen. Haben wir was verloren? Anhalten, Lage checken! Ich lief zurück und kontrollierte die Straße, Conny das Auto. Entwarnung. Das Geräusch, als ich über eine Fischbüchse stolperte glich dem eben Gehörten sehr auffallend. Dummerweise fand Conny trotzdem einen etwas mitgenommen Keilriemen im Motorraum vor. Eine knappe Viertelstunde später verweigerte dieser seine Mitarbeit gänzlich und überließ die Verantwortung seinem Kollegen aus dem Kofferraum. Bei diesen fast schon obligatorischen Handgriffen auf weiten Reisen lernten wir auf dem Kamm der Pyrenäen einen sehr netten Franzosen kennen, der sich sehr für den Trabant -und wie sich später herausstellte auch für osteuropäischen Motorsport- interessierte.
Als wir ihn dann mit unserer nun fertigen Krümmersuppe beeindrucken wollten, beeindruckte er uns mit original französischer Suppe, die er fix im Wohnmobil für uns zubereitete! Vielen Dank dafür an dieser Stelle! Im nächsten Dorf hielt ich sehr besorgt meinen Kopf aus dem Auto. WAS ist das für ein Geräusch? Geschwindigkeits- nicht drehzahlabhängig und praktisch nur an den Reflektionen der Häuserwände zu hören. Weit ab von daheim schaut man danach besser früher als später. Wenig später war die Vorderachse aufgebockt und wir drehten an den Rädern. „Tick , Tick ..“ ganz leise aber immer schön pro Radumdrehung. Wir konnten es ziemlich eindeutig dem Getriebe zuordnen. Jetzt kamen ernste Sorgen auf. Für das Getriebe haben wir keinerlei Ersatzteile dabei. Da das Geräusch sehr leise war und mechanisch kein Fehler festzustellen war, entschlossen wir uns zur Weiterfahrt (was hätten wir auch für Alternativen gehabt?!). Beim nächsten Tankstopp war kein Geräusch mehr auszumachen. Auch gut! 😉
Leider wurde es schon dunkel, als die Schilder „Andorra“ und auch bereits Spanien ankündigten. Sehr viel haben wir deshalb von Andorra auch nicht gesehen. Auf der Suche nach einem Schlafplatz erreichten wir dann auch schneller als erwartet die spanische Grenze. Na gut, schlafen wir eben in Spanien. Ein Platz am Ufer eines Flusses war schnell gefunden und uns fielen mittlerweile sowieso die Augen zu. Viele Kilometer hatten wir heute nicht geschafft, aber sehr viel erlebt und gesehen! Jetzt waren wir immerhin schon in Spanien. Der Kilometerzähler zeigte nun 1700km an.

Tag4: Der nächste Morgen überraschte uns mit einem überwältigendem Blick aus dem Dachzelt. Wir standen vor einer riesigen Felswand.
In Spanien selbst hatten wir uns für die Hinfahrt kostenlose Autobahnen im Landesinneren ausgesucht. Relativ uninteressant, aber am Abend fanden wir uns nach ca. 900(!) zurückgelegten Kilometern schon in Südspanien auf einem netten Campingplatz wieder. Zeit und Gelegenheit zum Duschen und zum quatschen mit deutschen Touristen!

Tag 5: An diesem Montag sollte eigentlich der Affenfelsen in Gibraltar als Ziel erreicht werden. Wir erreichten auch am Nachmittag die britische (!) Grenze. Dummerweise erreichten wir den „Upper Rock“ so spät, dass wir nicht mehr auf den Felsen gelassen wurden. Meine Affen konnte ich mir also abschminken, sehr ärgerlich!
Es folgten also noch ein paar Fotos des Felsens und ein Besuch des „Europa-Point“, der südlichsten Spitze von Gibraltar. Bei gutem Wetter kann man von hier aus Afrika sehen. Heute leider nicht.
Zeit für eine wichtige Entscheidung: „Auf zur Fähre?“ – „Na klar!“
Kurz darauf befanden wir uns am Fährterminal von Algeciras. Der Blick zur Anzeigentafel verriet ein Schiff, dass in 15 Minuten ablegt. Das ist zu schaffen, bestätigte, die freundliche Dame am Schalter und zwei Minuten später saß ich mit den Tickets auch schon im Trabant, der im selben Moment aufs PKW-Deck der Fähre rollte.
Bei einem Käffchen an der Schiffsbar konnten wir uns ein Grinsen nicht verkneifen. Gut, die letzten Minuten waren etwas stressig aber hey, in 20min legt der Kahn an und dann haben wir afrikanischen Boden unter den Rädern! Kurz darauf kam auch schon die Küste und er Hafen von Ceuta in Sichtweite. Bald darauf öffneten sich die Luken des Katamarans und der Moment, dem wir seit Monaten entgegenfieberten, kam mit großen Schritten auf uns zu: Mit leisem „Klackklack“ setzten unsere Räder das erste mal auf nichteuropäischen Beton auf. Ein lautes A-F-R-I-K-A ! aus dem geöffneten Fenster konnte ich in diesem Moment nicht unterdrücken!
Den ganzen Abend verbrachten wir noch in Ceuta und erst, als es schon dunkel war und auch unsere Uhren zwei Stunden zurück gestellt waren, begaben wir uns an die marokkanische Grenze. Hier wurden wir durch die „Freundliche Hilfe beim Ausfüllen der Formulare“ schon mal 20€ los. Tolle Begrüßung. Zwei Zettel ausfüllen hätten wir auch selber gekonnt. Naja, nach einer guten halben Stunde war auch diese Hürde genommen und wir waren nun tatsächlich in Marokko. Irgendwie war hier wirklich alles anders. Nun hatten wir also die schwere Aufgabe, in einem fremden Land und einer fremden Kultur mitten in der Nacht einen Platz zum Schlafen zu finden. Das größte Problem: Sturm war aufgezogen und der Nebel war auch teilweise eklig. Das Dachzelt aufzuschlagen war bei diesem Sturm aussichtslos. Und auch eine geschützte Ruhige Ecke zu finden, war bei diesem Wetter nicht zu schaffen. Also. Was blieb uns? Weiterfahren? Da würden wir viel verpassen, was wir Tagsüber sehen und erleben könnten. Außerdem waren wir auch beide hundemüde. Wir hielten einfach am Straßenrand an und übernachteten im Auto. Das ging auch zu zweit erstaunlicherweise gut.

Tag 6: Natürlich kann man so nicht ewig schlafen. Ein paar vorüber fahrende LKW weckten uns gegen 6 und wir falteten uns aus dem Auto. Nun konnten wir Marokko erstmals bei Tagslicht erleben. Irgendwie war es so, wie wir uns es vorstellten (nach Rumänien schockt uns so schnell nichts mehr!) Landschaft, Leute, Autos… Alles sah irgendwie anders und fremd aus. Das einzig Vertrauenserweckende weit und breit war unser Trabant! 🙂
Die grobe Marokko-Route stand ja längst fest und wir begaben uns nun also auf den Weg Richtung Westen. Richtung Atlantik-Küste.
Nach dem Besuch der Herkules-Grotten ging es zum Baden an den Atlantik. Hier fanden wir einen tollen, riesigen, menschenleeren Sandstrand. Der Wind war immer noch heftig. Am Strand wurde man regelrecht gesandstrahlt. Die Wellen waren natürlich dementsprechend dimensioniert! Das entschädigt!
Hier fanden wir zufällig einen kleinen, aber feinen „Konsum“ in einem Dorf. Ein paar Flaschen Wasser, Fladenbrot (was anderes gibt’s hier auch nicht) und ein paar Süßigkeiten haben wir hier auch gefunden.
Unsere Route führte jetzt an der Atlantikküste entlang Richtung Süden. In Asilah fanden wir auch einen vernünftigen Campingplatz. Nachdem wir uns hier etwas ausgeschlafen haben, war noch einmal kurz baden angesagt und als es langsam dunkel wurde, ein Stadtbummel.
Abendliche Dämmerung bedeutet hier so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir gewohnt sind. Hier ist das die Zeit, in der die Stadt zum Leben erwacht. Leute gehen einkaufen, essen, spazieren. Die Geschäfte öffnen, die Kneipen werden voll, irgendwie beginnt jetzt das arabische Treiben, wie man es sich vorstellt!
Wir stürzten uns mitten ins Getümmel. Wir liefen vorbei an Obstständen, Bäckereien, Friseur-Stübchen, Kneipen und Geschäften, wo es jeden Krimskrams gab. Während ich mir alles ansah und gar nicht so recht fassen konnte, in was für eine Welt uns der kleine Trabant gefahren hatte, hielt Conny Ausschau nach einem Barbier. Der Laden sollte möglichst klein, alt und speckig sein und der Barbier selbst am besten ebenfalls! Der dritte oder vierte Seitenstraßen-Friseur entsprach etwa diesem Schema. Ein grinsender, kleiner, steinalter, bärtiger und braungebrannter Mann freue sich sichtlich über Besuch und bat uns freundlich herein. Hinter einer hellblauen Brettertür erwartete uns vermutlich genau das, was sich Conny vorgestellt hatte. Ein Friseur-Laden aus dem vergangenen Jahrhundert. Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Conny konnte das „Alles ab!“ auch so erklären, dass es richtig verstanden wurde. Das Ergebnis war ganz okay und der Preis auch, obwohl er mit Sicherheit Touristen angepasst wurde (umgerechnet 5€).
Dieser Abend bescherte uns noch einige Eindrücke, wie man hier so lebt. So fanden wir auch eine nette Kneipe zum Abendbrot, schlenderten noch etwas durch die Altstadt, die jetzt richtig erwachte und beendeten unseren Rundgang auf einem kleinen Rummel direkt am Strand. Ein einziges Durcheinander hier! Die Leute prügelten sich fast um die Plätze beim Autoscooter und über allem klang diese Rummelmusik, wie man sie bei uns zu Hause höchstens aus der Dönerbude kennt. Wir blieben ne ganze Weile und sahen diesem Treiben begeistert zu.
Tag 7: Langsam kehrte auch die Ruhe zurück. Wir hatten keine festen Termine mehr, außer möglichst viel vom Land zu sehen in den paar Tagen, die wir hier hatten. Am Vormittag brachen wir dann langsam auf. Bis Larache entlang der Atlantikküste und von dort an sollte es eine Pistenstrecke an einem Stausee entlang gehen bis nach Fés. Aufgrund einer Polizeisperrung dieser besagten Piste, mussten wir mit der modernen Asphalt- und Teerstraße vorlieb nehmen. Schade eigentlich. Wir blieben auf recht guten Straßen. Hin und wieder mussten wir nur auf Leute mit Eseln aufpassen (meistens Frauen oder Kinder), die gerade damit beschäftigt waren, Wasser zu holen. Damit sie das nicht alle Nasen lang machen müssen, waren die armen Tiere natürlich heillos überladen. Ansonsten ist auf den Straßen viel los. Alte, verbeulte Diesel-Mercedes-PKWs oder LT’s, gern auch als Sammel-Taxi, und natürlich jede Menge Fußgänger, selbst fernab der Dörfer.
Irgendwann am späten Nachmittag fanden wir dann auch einen Weg zum Stausee. Wir nutzen die Gelegenheit zum baden. Als wir damit fertig waren und uns der Krümmersuppe widmeten, kamen zuerst ein paar Leute, die ihre Kuh zum saufen brachten und danach noch welche, die ihren Mercedes LT IM SEE (!) wuschen. Alles etwas merkwürdig hier. Es war bereits dunkel, als wir von einem Gebirgskamm die Lichter von Fés erblickten. Da war es also: unser eigentliches Ziel. Knapp 2400km Luftlinie trennen uns jetzt von daheim und einer völlig anderen Welt!
Ohne genau zu wissen wohin, fuhren wir kurz darauf in die Stadt. Noch nicht ganz drin sprach uns während der Fahrt ein junger Moped-Fahrer an „Camping?“ – „Yes!“ –„Please follow me!“. Ich sah Conny an und fragte: „Fahren wir hinterher?“ „Klar! – mal gucken, wo er uns hinführt.“
Es ging (wie man auch im Track gut sehen kann) auf direktem Weg zu einem richtig guten Campingplatz direkt am Stadtrand von Fés. Irgendwie hatten wir dann doch nicht mit so viel ehrlicher Hilfsbereitschaft gerechnet. Ich sagte schnell noch zu Conny, dass das uns durchaus 50 Dirham wert sein sollte, aber unser Führer lehnte ab. Das läuft hier anders, wie wir am nächsten Tag merken sollten.
Natürlich hatten wir einen Guide erwischt, der Touristen die Stadt zeigt. Das kam uns auch ziemlich gelegen, so hatten wir für den nächsten Tag gleich einen Reiseführer für die Altstadt. Man soll natürlich den Preis VORHER festlegen, is klar! Genau das taten wir auch und fragten nach dem Preis für die Führung am nächsten Tag. „Aaaaach, das läuft bei uns so.. du kannst zahlen, was du möchtest, Richtpreis ist aber 100 Dirham (ca.10€)“ sagte er in sauberstem und prima zu verstehendem Englisch. Ein fairer und optimal eingefädelter Deal! Die Ankunft in Fés verlief beispielhaft.
Frisch geduscht schliefen wir kurz darauf im Dachzelt unter Eukalyptusbäumen ein. Am nächsten Morgen packten wir unseren Krempel und begaben uns zur Rezeption, wo unser Guide und ein älterer Mann wartete, den er uns als sein Vater vorstellte. ER sollte nun mit uns in die Stadt gehen. Na gut, warum nicht. Der Mann sprach sogar deutsch. Natürlich war keine Rede mehr von 100 Dirham, sondern von 200. Aber das sollte uns nicht weh tun. Das war auch o.k. Wir drehten zuerst eine kleine Stadtrunde mit dem Petit-Taxi und besichtigten ein paar Sehenswürdigkeiten der Stadt wie beispielsweise den Königspalast. Diese kleinen Taxis (fast alles Fiat Uno) sind echte Bus-Alternativen. Für 16Dirham (gut 1,50€) kann man bequem durch die ganze Stadt fahren. Selbst fahren ist da kaum billiger.
Nun war so ziemlich das Highlight des Marokko-Trips angesagt. Die Medina von Fés. Hinter ein paar Straßenecken, direkt hinter der Stadtmauer begann das Markttreiben. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Die Gässchen dort sind keine 2m breit und an beiden Seiten gesäumt von Ständen, die Fleisch, Fisch, Gewürze, Bananen, Stoffe, Seide oder Handwerkskunst anbieten. Dort wo sich die Handwerker wie Scherenschleifer, Tischler, Schnitzer, Weber, Spinner usw. angesiedelt hatten, gab es, genau wie bei den Verkaufsständen, keinerlei Türen oder Wände zur Straße. Man stand beim vorübergehen praktisch mitten in der Werkstatt und die Typen hämmerten munter an ihrem Hocker weiter oder schliffen irgendwas an einem Schleifstein, den sie mit den Füßen antrieben. Absolut beeindruckend.
Hin und wieder wurde es laut und man musste aus dem Weg, weil irgendjemand seinen Esel oder Maultier voll beladen durch die engen Gassen zerrte. Ist man mit Führer auf arabischen Märkten unterwegs, wird man sich zwangsläufig irgendwann bei leckerem Tee irgendwo bei einem Teppich-Händler wieder finden. So sollte es auch uns geschehen. Wir sahen zwar interessiert zu, hatten aber nie die Absicht einen (für schweineteures Geld – Kreditkarten gern gesehen!) zu kaufen. Wir mussten lange reden, bis das auch der Marokkaner verstanden hatte, der im übrigen auch perfektes Deutsch sprach. So ging es weiter durch diverse Tuch-, Leder-, Seiden-, Messing-, Lampen- und Instrumentenläden, um nur einige zu nennen. Offensichtlich gibt es hier ein organisiertes Provisionssystem. Conny ist nur schwach geworden beim Kauf eines Kaftans und später in der Gerberei bei ein paar Schuhen.
Die Gerberei war dann auch der nächste Ort der Besichtigungstour. Von einem Balkon konnte man auf jahrhunderte alte Becken blicken in denen Leder gegerbt wurde. Ich glaube, JEDER Fés-Reisende und jeder Reiseführer hat davon ein Foto und ich brauche nicht weiter darauf einzugehen.
Kurz darauf war dann auch unser Stadtrundgang vorbei und unser Guide empfahl uns ein günstiges aber gutes Lokal für das Mittagessen.
Nachdem er ungefragt mein Wasser ausgetrunken hatte 🙂 rückte er auch langsam mit seinen Preisvorstellungen heraus: „Najaaa, es war ja doch etwas länger…. blablabla…. 300Dirham wären angemessen..“ Ach so funktioniert das hier! Is klar! Aber wir Ossis lassen uns den Urlaub nicht so einfach vermiesen! 15€ pro Person geht für einen mehrere Stunden langen Stadtrundgang schon in Ordnung!
Nachdem wir auf dem Campingplatz noch ein paar Postkarten geschrieben haben (die übrigens bis heute noch nicht angekommen sind), machten wir uns langsam auf den Weg nach Norden.
Als es dunkel wurde merkten wir, dass wir jetzt ein Problem bekommen würden. Mittlerweile befanden wir uns in den ersten Ausläufern des Rif-Gebirges. Rechts Abgrund, links Felsen oder umgekehrt. Keine Seitenstraße oder Feldweg, wo man ungestört hätte übernachten können. Außerdem latschten laufend irgendwelche Leute umher, die einen dann eh nur angemacht hätten. Auch nachts. Man muss wissen, im Rif wird hauptsächlich Haschisch angebaut und natürlich auch vertickt. Jeder will einem also irgendwelche Bröckchen verkaufen. Wir hielten jedenfalls an und ich begab mich zu Fuß mit der Taschenlampe auf Erkundungstour während Conny beim Auto blieb. Irgendwann wendete auch mal ein Benz und ich versteckte mich, um dussligen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Was optimales zum Schlafen habe ich nicht gefunden, als ich wenig später zum Auto zurückkehrte. Besagter Benz stand genau daneben. Als ich näher kam sag ich einen freundlich blickenden Marokkaner und Conny englisch sprechend telefonieren. Ich war gespannt, wie diese Geschichte weiter gehen sollte. Zunächst folgte eine längere Diskussion mit den 2 Typen aus dem Mercedes (der übrigens weniger verbeult und auch neuer war als die meisten Anderen). Die Zwei wollten uns unbedingt mit nach Hause nehmen: „Los, kommt mit, da könnt ihr schlafen, wir essen was, trinken was, kiffen was, reden..“ Mir was das ziemlich suspekt. Conny auch, aber bei ihm überwog die Neugierde und seine Hoffnung, eine typisch Marokkanisch Familie kennen zu lernen. In diesem Falle waren das zwar Haschischbauern, aber das tut ja nichts zur Sache. Irgendwann standen wir tatsächlich bei den Jungs vorm Haus. Ich blieb erst mal beim Auto während Conny (es war seine Idee, also hab ich ihn vorgeschickt *g*) die Lage checkte.
Unsere Angst war offenbar wirklich unbegründet. Die ganze Familie war wirklich in Ordnung und wir mussten weder was rauchen noch schmuggeln.
Der Abend bot dann tatsächlich tiefe Einblicke ins arabische Leben. Uns wurde ein beeindruckendes Abendessen serviert und der Hausherr präsentierte stolz seine Satelliten- und Video-Technik. Für den Rest des Abends lief „extra für uns“ QVC, HSE oder irgend so ein Quatsch im Fernsehen während uns auf der Videokamera seine Hochzeitsfilme gezeigt wurden. Immer mit dabei: „Badar“ (übrigens der einzige, dessen Namen wir kennen gelernt haben), ein etwa dreijähriger Stöppel, der die ganze Zeit dort mit rumwuselte.
Später am Abend haben wir uns dann aber doch ins Dachzelt verkrochen. Das konnten die Jungs zwar gar nicht verstehen, aber ich wollte das Auto echt nicht aus den Augen lassen.

Tag 8: Am nächsten Morgen gab es dann natürlich noch ein leckeres Frühstück. Die Dame des Hauses, die wir sonst nur selten zu Gesicht bekamen, leistete auch hier wieder prima Hausarbeit. Badar war natürlich auch schon munter.
Irgendwann sind wir aber doch noch losgekommen und fuhren eine tolle Strecke übers Rif zur Mittelmeerküste. Die Landschaft und die Straßen im Rif waren wieder umwerfend. Das einem an jeder Straßenecke was zu Rauchen angeboten wird, kann man ganz gut ignorieren.
Schneller als erwartet tauchten die ersten Schilder mit „Sebta“ (also Ceuta) auf und wir mussten uns also damit abfinden, Afrika den Rücken kehren zu müssen. So entstanden kurz vor der Grenze noch ein paar Bilder mit weidenden Kamelen und kurz darauf kam mit großen schritten die Grenze auf uns zu. Auch hier versuchten wieder ein paar „hilfsbereite Marokkaner“ uns bei den Formalitäten zu helfen. Dieses mal allerdings vergebens!
Obwohl die Schalter fast alle leer waren und nur wenige Fahrzeuge passieren wollten, wartete trotzdem jeder auf irgend etwas. Nachdem wir die Prozedur langsam verstanden haben und alle Unterschriften und Stempel zusammengesammelt hatten, fuhren wir nach einer guten halben Stunde wieder auf spanischem Boden. Hier galt es zunächst voll zu tanken (88cent der Liter Super – zollfrei). Einen wirkliches Terminal zum Ticketkaufen wie in Algeciras fanden wir hier zwar nicht, aber ein kleiner Schalter der unzähligen Ticketbuden ging genauso gut. Tcha, und wenige Minuten später stand der staubige Trabant wieder im Bauch des riesigen Katamarans und wir sicherten uns die besten Plätze auf dem hinteren Sonnendeck, vor dem wenig später die hintere Ladebordwand die ganze Sicht versperrte.
Trotzdem erkannten wir wenig später bereits den Felsen von Gibraltar im Norden und gleichzeitig beim Zurückblicken die Afrikanische Küste. Beeindruckend!
Das Dumme war, dass wir jetzt unsere Uhren wieder 2h vor stellen mussten und damit der Affenfelsen wieder nicht erreichbar war. Dumm gelaufen.
Wir lagen gut im Zeitplan. Erst übermorgen mussten wir den Rest von uns in Alicante vom Flugplatz abholen. Uns blieb für die gut 600km der ganze morgige Tag. Einen Teil davon wollten wir aber heute noch fahren. Wir suchten uns also einen Campingplatz kurz hinter Malaga. Interessanterweise waren wir hier das dritte Auto mit Dachzelt. Ein spanischer und ein schweizer Geländewagen waren ebenfalls so hier. Den Weg zum Schweizer, den wir später besuchen wollten, konnten wir uns sparen, da dieser wenig später bei uns am Auto stand und wir unsere Erlebnisse austauschen konnten. Den Abend verbrachten wir dann noch bei anderen Deutschen am Wohnmobil, die uns auf ein Bier eingeladen hatten.

Tag 9: Jetzt wurde es zeit, nach Torrevieja aufzubrechen. Es galt, die Ferienwohnung zu beziehen und diese erst einmal zu finden. Außerdem lagen auch noch gut 450km vor uns. Trotzdem verlief der Tag und die Tour recht unspektakulär. In Torrevieja angekommen, bekamen wir praktisch genau nach unserer Afrika-Tour das „vereinte Europa“ zu spüren, als wir einen Rentner in unserem stümperhaften Englisch angesprochen haben um nach dem Weg zu fragen. Mit seiner Antwort „sie können auch deutsch mit mir reden“ hatten wir irgendwie nicht gerechnet. Hier wimmelte es natürlich nur so von Toristen.

Tag 10: Nun war es Zeit, die „Pauschaltouristen“ vom Flugplatz in Alicante abzuholen. Glücklicherweise stand uns für die kommenden Tage ein Kleinbus zur Verfügung. Jetzt waren wir ja immerhin zu sechst.

Die nächsten Tage verbrachten wir mit dem, was man eben als „normalen Urlaub“ bezeichnet. Wir waren oft baden, haben einen Palmenpark, einen Safaripark und den ein oder anderen Markt besucht. Auch ein Ausflug mit dem Schiff zum Inselchen „Tabarca“ durfte nicht fehlen. Mit Conny war ich ein paar mal tauchen. Für mich waren es ein paar weitere Tauchgänge (nach Sizilien und Korfu), für Conny seine ersten Erfahrungen mit Pressluft überhaupt. Alle zusammen haben wir ganz nebenbei auch noch 4 Geocaches gefunden in und um Torrevieja.
Es war eine tolle Zeit, aber irgendwie freute ich mich schon auf den Rückweg.

Rückfahrt Tag 1: Schneller als erwartet war es dann auch soweit. Wir brachten am frühen Morgen die Damen zum Flugplatz und packten anschließend die restlichen Sachen zusammen und verstauten alles im Trabant. Gegen Mittag waren wir dann wieder auf der Piste. Dieses mal immer an der Mittelmeerküste entlang. Tagesziel: Frankreich
Gegen Mitternacht erreichten wir auch die französische Grenze. Seit kurzem hatte es begonnen, etwas feucht zu werden auf der Straße und es fing leicht an zu regnen. Das sollte die nächsten 24 Stunden auch nicht besser werden.
Wir schlugen unser Zelt kurz hinter der Grenze auf einem Parkplatz an der Landstraße auf, weil wir keine Lust hatten, noch ewig einen abgelegenen Schlafplatz zu suchen und gönnten uns die erste „Mahou“ (spanisches Dosenbier).

Rückfahrt Tag 2: Lange geschlafen haben wir nicht. Es ging relativ zeitig weiter. Leider nur wenige Kilometer. Bei relativ hoher Geschwindigkeit fing plötzlich unser Heck an, instabil zu werden und ich hatte Mühe, das Auto auf der Straße zu halten. Da ich wusste, was los war, reichte die kurze Bemerkung: „Das war unsere Hinterachse“. Der Blick nach dem Anhalten am Seitenstreifen bestätigte den Verdacht. Das Provisorium, dass nun schon immerhin 4000km gehalten hatte, hatte seinen Geist aufgegeben. Nicht sehr verwunderlich, war es doch deutlich schwächer dimensioniert als das Original. (Schraube 8.8 M10 statt 10.9 M12x1,75). Da wir jetzt allerdings die Reste leicht aus den Gewindegängen popeln konnten, und das neue Provisorium (hält es wieder 4000km, reicht das dicke!) fix montiert war, ging es nach weniger als 30 Minuten weiter. Inklusive Händewaschen.
Aus Geiz fiel Autobahn aus in Frankreich. Wir haben es auch sein gelassen, uns eine schnelle Route auf der Karte auszusuchen und trauten uns voll und ganz „Tante Navi“ an. Keine schlechte Idee, wie sich am Tagesende herausstellte. Wir sind zwar definitiv nicht die schnellste Strecke gefahren aber eine landschaftlich sehr reizvolle. Leider war es den ganzen Tag nie wirklich trocken. Immer nieselte es etwas und auch längere Regenstrecken waren eher die Regel als die Ausnahme. Abends sind wir (das erste und einzige mal!) Bei Mc D. eingekehrt. In der Dämmerung ging es dann weiter. Der Tageskilometerzähler zeigte 200km an, also LANGSAM sollte man sich nach Tankstellen umsehen. Das haben wir dann auch 100km lang getan. Erfolglos. Alle geschlossen! Irgendwann bei km 300 war der Tank trocken, also haben wir beide Kanister leer gemacht. In den nächsten 130km sollten wir ja eine Tankstelle finden. Fanden wir auch. Mehrere. Alle geschlossen, aber mit Tankautomaten. Bargeldannahme wie in Italien? Fehlanzeige. Nur Karten. Ich weiß bis heute nicht, welche akzeptiert werden. Deutsche EC- und Kreditkarten jedenfalls nicht. Kurz nach Mitternacht, als wir wieder auf Reserve schalten mussten, kamen wir aus Spritmangel (mitten in Europa!) einfach nicht weiter. Die 4 oder 5 Liter, die jetzt noch im Tank waren, waren wirklich die eiserne Reserve. Damit mussten wir morgen (Sonntag!) noch eine Tankstelle finden. Zunächst aber fanden wir einen tollen und ruhigen Stellplatz im Wald.

Rückfahrt Tag 3: Nach dem Ausschlafen am Sonntagmorgen stürzten wir uns ins Ungewisse. Es waren noch gut 100km bis Deutschland, aber unsere Reserve reicht definitiv nicht mehr so weit. Wir fanden wieder drei Tankstellen. Alle geschlossen und unsere Karten wurden nie akzeptiert. Langsam wurden wir unruhig. Bei der nächsten Tankstelle trafen wir endlich zwei Franzosen, die dort tankten. Englisch sprachen die natürlich nicht, aber wir konnten einem netten Mann schon verständlich machen, dass wir auf seine Karte tanken und bar bezahlen wollten. Unser Tank wurde zwar nicht voll, aber bis Deutschland solls’s reichen.
Bald kam das Schild, was uns sehr deutlich das Ende des Urlaubs verdeutlichte: „DEUTSCHLAND“
Jetzt kamen noch ein paar hundert, recht langweilige, Kilometer deutsche Autobahn und dort natürlich auch prompt der erste Stau des ganzen Urlaubs.
In Eisenach, 30km vor Mühlhausen, unserem Ziel, dann noch das kurze Interview mit dem MDR. (siehe Video). Gegen 21:00 waren wir nach insgesamt 7126Kilometern wieder zu Hause!

Chris601

Autor: Andre

- gebürtiger Mühlhäuser - Trabantfahrer - nach einigen Jahren Pause wieder zum Trabantclub Mühlhausen gefunden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.