„Oma Helga“

Die Geschichte von Michaels Oma Helga

Der Trabantclub Mühlhausen e.V. sorgt mit seiner Präsenz in der Region, 04-09-21 (18) Unterwegs zum Timmelsjochauf den Treffen der Trabant- und IFA – Szene und den Touren mit dem Trabant in alle Herren Länder dafür, dass der Trabant nicht aus dem Bewusstsein der Gegenwart verschwindet, er als das in Erinnerung bleibt was er wirklich war: ein manchmal deutlicher Ausdruck der Mangelwirtschaft, ein mitunter gehasstes aber oft geliebtes kleines Auto, ein für viele Familien über Jahre treuer Begleiter. Eben darum sorgt sich der Trabantclub besonders um die Fahrzeuge seiner Mitglieder, insbesondere dann, wenn sie im wahrsten Sinn des Wortes unverschuldet in Unfälle verwickelt wurden. Seit über siebzehn Jahren ist „Oma Helga“ – ein Trabant 601 LX – mit dem Trabantclub Mühlhausen e.V. verbunden. Begonnen hat die Historie dieses Autos allerdings schon viele Jahre bevor die Werktätigen des VEB Sachsenring alle Teile über den Jahreswechsel 1987 – 88 zu diesem Trabant zusammenfügten.

Entsprechend der damals üblichen Wartezeit müssen sich unsere ehemaligen Clubmitglieder Helga und Huldreich in der Mitte der 1970er Jahre als gut fünfzigjährige mit der Bestellung eines Trabant beschäftigt haben. Ursprünglich sollte es ein Trabant Universal – ein Kombi – sein, der die Beiden treu als Rentner begleiten sollte, die Mitteilung der Vertriebsabteilung in Zwickau kündete aber an, dass eine Limousine schon im Herbst 1987 ausgeliefert werden könne, der bestellte Universal aber sicher auch 1988 noch nicht. Es dauerte noch bis zum 8. Januar 1988, ehe Helga und Huldreich sich Ihren „Neuen“ auf dem IFA – Gelände neben der Ammerschen Landstraße in Mühlhausen vorführen ließen. Sie waren glücklich damals, sogar noch glücklicher als unser Clubnachwuchs, wenn er über zwanzig Jahre später auf eben diesem Gelände Pommes und große, royale Hamburger in einer internationalen Imbissbude mit mehr Begeisterung wegputzt, als es seinen ernährungsbewussten Eltern lieb ist.

Eine Garage stand dem champagnerbeigen Trabant mit dem papyrusfarbenen Dach und den Chromstoßstangen nicht zur Verfügung, mit dem Kennzeichen LW – 19 66 fand der neue Begleiter von Helga und Huldreich am Rand der Querstraße seinen Platz. Pünktlich zur Wende traten die beiden in das Rentenalter ein, aus den Wegen zur Arbeit mit dem Trabant wurden Fahrten zu den Kindern und Enkeln, zu Ausflugsfahrten und Werkstätten und immer öfter zu Ärzten, manches Mal auch in das Krankenhaus. Kurz nach dem Erteilen des bundesdeutschen Kennzeichens MHL – MR 66 sah man beide in der damaligen Scheune des Trabantclub in der Hollenbacher Landstraße, später in dessen neuen Domizil in der Mühlstraße. Bezeichnend für den Trabantclub in den neunziger Jahren ist, dass durch das Auto Trabant Alt und Jung mehr und enger verbunden waren, als es heute möglich wäre. Zu entfernt sind inzwischen die Vorstellungen der Clubjugend heute vom real existierenden Sozialismus, als dass sie sich ausmalen könnten, welche Bedeutung ein Trabant im Lebensalltag damals hatte.

Bezeichnend für Huldreich und Helga ist es, dass sie sich auch über zehn Jahre nach der Wende nicht entschlossen, ihren Trabant zu verschrotten oder durch ein Westblech zu ersetzen. Regelmäßig fuhren sie zu Inspektionen, führten mit Bleistift ein kleines blaues Fahrtenbuch und erlebten in den Neunzigern mehrmals den Schreck, dass ihr Trabant am Morgen nicht mehr da stand, wo sie ihn am Abend zuvor abgestellt hatten. Dank des geschlossenen Benzinhahns kamen die Diebe nie allzu weit und um weiteren Ungemach vorzubeugen, baute man im Trabantclub eine einfache aber effektive Wegfahrsperre ein. Es gab nie wieder irgendwelche Zwischenfälle mit dem Fahrzeug…

Helga und Huldreich führten ein kleines blaues Fahrtenbuch, in denen sie jede Fahrt, jede Tankfüllung und jeden Werkstattbesuch eintrugen. Immer öfter waren es Fahrten zum Arzt, in die Apotheke oder in das Krankenhaus. Huldreich war schon länger pflegebedürftig, als Helga am 26. Juli 2002 die letzte Fahrt eintrug. Auch ihr fielen die Fahrten immer schwerer, noch schwerer aber der Abschied von ihrem Trabant. Einen Tag später übergab sie das Auto, sämtliche Unterlagen, das kleine Fahrtenbuch und die Schlüssel dem Trabantclub. Gut zwei Wochen später ging Helga von uns.

Ihr Trabant hieß fortan im Club „Oma Helga“, ein entsprechender Hinweis wurde an der Heckscheibe angebracht und es folgten viele Überlegungen, was aus dem Auto werden sollte. Einstweilen stand es trocken abgedeckt in der Clubgarage, aber jeder im Club hatte schon mindestens ein Fahrzeug und irgendeinem Fremden wollte man Oma Helga auch nicht geben. Der Start in ein neues Leben für sie begann eineinhalb Jahre später mit der Idee des Clubvideografen Michael, einige Mitglieder bei ihren Urlaubsfahrten in ihren Trabis mit der Kamera zu begleiten. Und ein Reiseziel hatte er auch schon vorgeschlagen: nach Griechenland, auf die Insel Korfu sollte es im Herbst 2004 gehen. Während Michael noch glaubte, einige Trabanten mit Dachzelt obendrauf in seinem Westblech mit der Kamera zu begleiten, dachte man im Verein an Oma Helga und bot Michael eine Patenschaft für Oma Helga an. So ein Film aus einem Trabant heraus gefilmt, müsste doch viel authentischer sein.

Anfänglich widerstrebend ließ Michael sich auf diese Idee ein, ab dem Frühjahr 2004 „bewegte“ er Oma Helga unsicher durch Mühlhausen, fuhr mit ihr zur Arbeit nach Bad Langensalza, erlebte Pannen und Verzweiflung ebenso wie erste Freuden über selbst erledigte Wartungsarbeiten. Der Trabantclub setzte sie über den Sommer instand, erledigte verschiedene Schweißarbeiten und stellte auch ein Dachzelt zur Verfügung. Im September war es dann soweit: Michael fuhr mit Oma Helga nach Korfu und … er verliebte sich auf der Tour in sie. Die Patenschaft für sie verlängerte er um ein weiteres Jahr und im Sommer begann er unter Anleitung mit der Zerlegung von Oma Helga für eine gründliche Überholung des Trabants. Die Arbeiten zogen sich bis in das Frühjahr 2006, aber bei einer Clubpräsentation in Keula zeigte sich Oma Helga stolz im neuen Gewand der Öffentlichkeit. Sie war weitestgehend original restauriert worden, lediglich die Chromstoßstangen fehlten und aus der champagnerbeigen war eine wunderschöne monsungelbe Trabantlimousine geworden.

In den folgenden Jahren wurde Oma Helga durch einen Verkauf an Michael aus der Patenschaft entlassen und nun zu einem festen Bestand-

Keula
Gut sieht sie aus im Mai 2006, fast wie neu.

teil seiner Familie, sie fuhr auf Trabi-Treffen, ins herrliche Erzgebirge zu seinen Schwieger-eltern, holte seine beiden Kinder nach der Geburt aus der Klinik und tuckelte diese bei Schrei-anfällen zuverlässig in den Schlaf. Später fing seine Große schon an, Michael bei Wartungs-arbeiten zu helfen. Sie entfernte Klebezettel von Kabeln, ehe der neue Tacho eingebaut war, sie reichte ihm aber auch die richtigen Schrauben beim Wiedereinbau der Sitze nach der Hohlraumkonservierung. Sie sagte noch „Tschüß Oma Helga, bis morgen.“ als Michael sie hoch ins Bett brachte, bevor er noch mit Oma Helga eine kleine Runde fahren wollte.

Auf eben dieser kleinen Runde kollidierte eine Eichsfelderin in einem Westblech, nach dem sie beim Linksabbiegen die Vorfahrt nicht gewährte, bei Eigenrieden mit Oma Helga und beschädigte sie dabei schwer.

10-09-30 (1) Unfall mit Oma Helga

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.